BLOG

von Frank Nebbe 08 Nov, 2017

Wir hatten beschlossen im Tsaranorogebiet in Madagaskar den Pic Dondy zu besteigen. Offenbar gab es eine Abstiegsroute von den Kletterrouten in der Westwand, die in der Nähe des Nordgrates verlief. Wir fühlten uns den zu erwartenden Anforderungen gewachsen und zogen ohne Führer los.  

Im ersten Dorf nötigte sich uns jedoch ein junger Mann als Führer auf obwohl wir versuchten ihm verständlich zu machen, dass wir keinen Führer wollten/brauchten. Er ließ sich jedoch nicht abschütteln und tappte entlang eines schmalen Pfades voran. Irgendwann ging es ins Weglose und unser "Führer" wurde zunehmend unsicher über den Weiterweg. Offensichtlich war ihm die Route auf den Berg nicht geläufig, was er aber nicht eingestehen wollte.

Wir mussten zunehmend kraxeln und ich übernahm mehr und mehr selbst die Führung. Unser „Führer“ kam dann irgendwann barfuß nicht mehr weiter und wir schlugen uns (seilfrei aber mit Kletterschuhen) allein zum Gipfel durch. Unseren anhänglichen Guide ließen wir, mit etwas schlechtem Gewissen, auf dem Grat sitzen. Der Abstieg gestaltete sich auf einer anderen Route zunächst etwas heikel. Auf einer Geländestufe nach dem Steilstück trafen wir unseren Kameraden wieder. Er war offensichtlich erfolgreich wieder abgeklettert, hatte treu ein paar Stunden gewartet und wir setzten den Abstieg über den bekannten Weg unter seiner "Führung" fort.

Uns gingen bei der Aktion so allerlei Gedanken durch den Kopf:

- Unser „Guide“ hatte beim Abklettern von seinem höchsten Punkt vermutlich Angst und Mühe. Waren wir für seinen Zustand mitverantwortlich? Hätten wir ihn bei Abklettern gar begleiten sollen? Vielleicht hat er ja Frau und Kind, die ohne Ernährer dastehen, wenn er runter knallt.

- Was darf man von so einem Führer verlangen, der vielleicht unter dem Druck der Umstände (große Armut) eine Sache übernimmt, die ihn überfordert und uns potentiell gefährdet (er wusste ja nix von unserer Bergerfahrung)?

- Sicherlich hatte ich viel mehr Bergerfahrung als er. War ich damit in einer Fürsorgepflicht in dieser Situation, die wir nicht gewollt und allenfalls sehr indirekt herbeigeführt hatten?

- Soll man ihn bezahlen und wenn ja, wieviel?

Aber: was hinderte ihn daran, sich die Voraussetzung für eine professionelle Leistung anzueignen und seinen Teil an Verantwortung zu übernehmen?

- Sich ein paar Brocken französisch oder englisch aneignen oder ein Schild mit den notwendigsten Kommunikationsfloskeln mit sich führen.

- Sich eine Kenntnis des Geländes aneignen in dem er führt. Offensichtlich gibt es in der Gegend einige Führer, die die Kraxelroute auf den Dondy kennen.

- Er hätte sich unserer Bitte uns nicht zu begleiten fügen können oder zumindest beim Eintritt der Schwierigkeiten seine fehlende Kenntnis des Geländes eingestehen können. Damit hätte er uns zumindest potentiell gefährden können.

von Frank Nebbe 30 Sep, 2017

Beim Bergsteigen und Klettern ist  die Übernahme von Verantwortung ein integraler Bestandteil der Betätigung, die dadurch über einen „Sport“ weit hinausgeht. Man übernimmt Verantwortung gegenüber sich selbst, seiner Familie (wenn der „Ernährer“ nicht mehr heim kommt), gegenüber dem Kletterpartner und auch gegenüber zunächst Unbeteiligten wie anderen Kletterern und Wanderern z. B. weil diese in die Rolle des eigentlich unfreiwilligen Retters schlüpfen müssen, wenn man selbst versagt oder durch versehentlich ausgelösten Steinschlag verletzt werden.

Bergsteigen ist eine Risikosportart. Die Verantwortung besteht darin, Risiken für sich und andere gegenüber den eigenen Fähigkeiten und Erfolgsaussichten abzuwägen und wer jedes Risiko scheut bleibt besser zuhause – um dort womöglich von einem Auto über den Haufen gefahren zu werden. Wenn also das Risiko dazu gehört, ist die Akzeptanz eines gewissen Risikos überhaupt nicht zu vermeiden. Man versucht dies zu vermindern indem man abwägt: das eigene Kletterkönnen, die Schnelligkeit, die körperliche Verfassung usw. gegenüber dem Zustand der Route, der Absicherung, der Entwicklung  des Wetters usw.

Immer wenn man eine Abwägung trifft, kann man im Ergebnis auch daneben liegen – durch Unerfahrenheit, Fehleinschätzung oder auch nur Pech. Daraus resultieren dann die Zwischenfälle, Unglücke, Katastrophen.

Warum die Erwähnung dieser an sich selbstverständlichen und trivialen Tatsachen? Nun, sowohl in der Öffentlichkeit als auch in den Kreisen der Bergsteiger und Kletterer ist man manchmal schnell mit einem Urteil zur Hand, wenn etwas passiert ist. Mit dem Brustton der Überzeugung wird ein „fachliches“ Urteil gefällt, welches nur die moralische Entrüstung kaschiert.

Dafür zwei Beispiele:

Das Erste: Als Simon Yates in utlitaristischer Logik das Seil durchschnitt welches zu dem berühmten „Sturz ins Leere“ führte, wurde dies, auch in der Öffentlichkeit und in Bergsteigerkreisen, kontrovers diskutiert. Offensichtlich verbindet das Seil die Kletterpartner  im Bewusstsein mancher Menschen doch zu einer Schicksalsgemeinschaft.

Das Zweite: Es kam vor, dass Everest-Aspiranten an geschwächten Bergsteigern, die nicht mehr weiter konnten ohne Hilfeleistung vorbei zogen um den eigenen (teuer bezahlten) Gipfelerfolg nicht zu gefährden.

Aber auch weit unterhalb der Schwelle für die Medien tragen sich immer wieder Begebenheiten zu, die zumindest am Hüttentisch oder Foren zu manchmal emotional aufgepeitschten Diskussionen darüber führen, was „Richtig“ und „Falsch“ ist.

Meines Erachtens ist es oft nicht so einfach, ein fachliches oder gar moralisches Urteil zu fällen. Ich möchte in diesem Blog ein paar Begebnisse diskutieren, die ich selbst erlebt habe. Man kann sich fragen, wie man selbst entschieden hätte. Dabei berücksichtige man, dass das eigene „Bauchgefühl“ nicht unbedingt das „Richtige“ sein muss.

von Frank Nebbe 08 Nov, 2017

Wir hatten beschlossen im Tsaranorogebiet in Madagaskar den Pic Dondy zu besteigen. Offenbar gab es eine Abstiegsroute von den Kletterrouten in der Westwand, die in der Nähe des Nordgrates verlief. Wir fühlten uns den zu erwartenden Anforderungen gewachsen und zogen ohne Führer los.  

Im ersten Dorf nötigte sich uns jedoch ein junger Mann als Führer auf obwohl wir versuchten ihm verständlich zu machen, dass wir keinen Führer wollten/brauchten. Er ließ sich jedoch nicht abschütteln und tappte entlang eines schmalen Pfades voran. Irgendwann ging es ins Weglose und unser "Führer" wurde zunehmend unsicher über den Weiterweg. Offensichtlich war ihm die Route auf den Berg nicht geläufig, was er aber nicht eingestehen wollte.

Wir mussten zunehmend kraxeln und ich übernahm mehr und mehr selbst die Führung. Unser „Führer“ kam dann irgendwann barfuß nicht mehr weiter und wir schlugen uns (seilfrei aber mit Kletterschuhen) allein zum Gipfel durch. Unseren anhänglichen Guide ließen wir, mit etwas schlechtem Gewissen, auf dem Grat sitzen. Der Abstieg gestaltete sich auf einer anderen Route zunächst etwas heikel. Auf einer Geländestufe nach dem Steilstück trafen wir unseren Kameraden wieder. Er war offensichtlich erfolgreich wieder abgeklettert, hatte treu ein paar Stunden gewartet und wir setzten den Abstieg über den bekannten Weg unter seiner "Führung" fort.

Uns gingen bei der Aktion so allerlei Gedanken durch den Kopf:

- Unser „Guide“ hatte beim Abklettern von seinem höchsten Punkt vermutlich Angst und Mühe. Waren wir für seinen Zustand mitverantwortlich? Hätten wir ihn bei Abklettern gar begleiten sollen? Vielleicht hat er ja Frau und Kind, die ohne Ernährer dastehen, wenn er runter knallt.

- Was darf man von so einem Führer verlangen, der vielleicht unter dem Druck der Umstände (große Armut) eine Sache übernimmt, die ihn überfordert und uns potentiell gefährdet (er wusste ja nix von unserer Bergerfahrung)?

- Sicherlich hatte ich viel mehr Bergerfahrung als er. War ich damit in einer Fürsorgepflicht in dieser Situation, die wir nicht gewollt und allenfalls sehr indirekt herbeigeführt hatten?

- Soll man ihn bezahlen und wenn ja, wieviel?

Aber: was hinderte ihn daran, sich die Voraussetzung für eine professionelle Leistung anzueignen und seinen Teil an Verantwortung zu übernehmen?

- Sich ein paar Brocken französisch oder englisch aneignen oder ein Schild mit den notwendigsten Kommunikationsfloskeln mit sich führen.

- Sich eine Kenntnis des Geländes aneignen in dem er führt. Offensichtlich gibt es in der Gegend einige Führer, die die Kraxelroute auf den Dondy kennen.

- Er hätte sich unserer Bitte uns nicht zu begleiten fügen können oder zumindest beim Eintritt der Schwierigkeiten seine fehlende Kenntnis des Geländes eingestehen können. Damit hätte er uns zumindest potentiell gefährden können.

von Frank Nebbe 30 Sep, 2017

Beim Bergsteigen und Klettern ist  die Übernahme von Verantwortung ein integraler Bestandteil der Betätigung, die dadurch über einen „Sport“ weit hinausgeht. Man übernimmt Verantwortung gegenüber sich selbst, seiner Familie (wenn der „Ernährer“ nicht mehr heim kommt), gegenüber dem Kletterpartner und auch gegenüber zunächst Unbeteiligten wie anderen Kletterern und Wanderern z. B. weil diese in die Rolle des eigentlich unfreiwilligen Retters schlüpfen müssen, wenn man selbst versagt oder durch versehentlich ausgelösten Steinschlag verletzt werden.

Bergsteigen ist eine Risikosportart. Die Verantwortung besteht darin, Risiken für sich und andere gegenüber den eigenen Fähigkeiten und Erfolgsaussichten abzuwägen und wer jedes Risiko scheut bleibt besser zuhause – um dort womöglich von einem Auto über den Haufen gefahren zu werden. Wenn also das Risiko dazu gehört, ist die Akzeptanz eines gewissen Risikos überhaupt nicht zu vermeiden. Man versucht dies zu vermindern indem man abwägt: das eigene Kletterkönnen, die Schnelligkeit, die körperliche Verfassung usw. gegenüber dem Zustand der Route, der Absicherung, der Entwicklung  des Wetters usw.

Immer wenn man eine Abwägung trifft, kann man im Ergebnis auch daneben liegen – durch Unerfahrenheit, Fehleinschätzung oder auch nur Pech. Daraus resultieren dann die Zwischenfälle, Unglücke, Katastrophen.

Warum die Erwähnung dieser an sich selbstverständlichen und trivialen Tatsachen? Nun, sowohl in der Öffentlichkeit als auch in den Kreisen der Bergsteiger und Kletterer ist man manchmal schnell mit einem Urteil zur Hand, wenn etwas passiert ist. Mit dem Brustton der Überzeugung wird ein „fachliches“ Urteil gefällt, welches nur die moralische Entrüstung kaschiert.

Dafür zwei Beispiele:

Das Erste: Als Simon Yates in utlitaristischer Logik das Seil durchschnitt welches zu dem berühmten „Sturz ins Leere“ führte, wurde dies, auch in der Öffentlichkeit und in Bergsteigerkreisen, kontrovers diskutiert. Offensichtlich verbindet das Seil die Kletterpartner  im Bewusstsein mancher Menschen doch zu einer Schicksalsgemeinschaft.

Das Zweite: Es kam vor, dass Everest-Aspiranten an geschwächten Bergsteigern, die nicht mehr weiter konnten ohne Hilfeleistung vorbei zogen um den eigenen (teuer bezahlten) Gipfelerfolg nicht zu gefährden.

Aber auch weit unterhalb der Schwelle für die Medien tragen sich immer wieder Begebenheiten zu, die zumindest am Hüttentisch oder Foren zu manchmal emotional aufgepeitschten Diskussionen darüber führen, was „Richtig“ und „Falsch“ ist.

Meines Erachtens ist es oft nicht so einfach, ein fachliches oder gar moralisches Urteil zu fällen. Ich möchte in diesem Blog ein paar Begebnisse diskutieren, die ich selbst erlebt habe. Man kann sich fragen, wie man selbst entschieden hätte. Dabei berücksichtige man, dass das eigene „Bauchgefühl“ nicht unbedingt das „Richtige“ sein muss.

Share by: