Im Land der Drachen

  • von Frank Nebbe
  • 29 Nov, 2017

Eine unheimliche Begegnung in den Drakensbergen Südafrikas

Die folgende Story stammt von meinem Sohn Daniel. Sie beschreibt eine heikle Episode beim Bergsteigen in Südafrika.

Die Geschichte spielt in Südafrika. In den Drakensbergen und auf der Südhalbkugel ging der Frühling langsam in den Sommer über. In dieser Jahreszeit machten die Drakensbergen ihrem Namen alle Ehre. Den Morgen über erhoben sich majestätische Wolken in die Höhe. Ihre Vielgestaltigkeit und Lichtspiele erinnerten an kämpfende Drachen.

Drakensberge - Drachensberge.

Gegen Nachmittag fingen dann die Drachen immer an zu singen und gewaltige Gewitter zogen über das Gebiet.

 Vor den eigentlichen Drakens bergen  war eine weitläufige Hügellandschaft. Von manchen Orten sah man schon von weitem, wie sich die rauen Berge erhoben. Ein Berg stach besonders ins Auge, er nennt sich Rhino Peak. Es ist einer dieser Formationen die danach schreien, bestiegen zu werden.

So beschlossen wir, an jenem Tag dem Ruf des Rhino Peak zu folgen. Nach einer kurvenreichen Anfahrt gelangten wir zu einer grotesken Freizeit-Hotel Anlage für Gutbetuchte. Dort wurden auch die Permits ausgestellt, allerdings erst ab 8 Uhr. Das kostete uns den frühen Aufbruch und verschaffte mir eine unheimliche Begegnung….    

Endlich mit druckfrischen Permits versehen, stiefelten wir los und sowohl in unseren Gemütern als auch von der Landschaft verzog sich der morgendliche Dunst mit jeden Schritt etwas mehr.

Um den Rhino Peak zu besteigen muss man erst ein Tal am Peak vorbei laufen um dann später wieder auf einer Hochebene auf ihn zuzulaufen.

 Das Tal begrüßte uns mit einem schönen Fluss und sonderbaren Pflanzen.

Doch die Bewohner des Tals hießen uns nicht willkommen. Wütende Schreie hallten das Tal. Erst rätselten wir, was das sein mochte. Instinktiv griff meine Hand zum Messer. Dann sahen wir die Bewohner, welche uns von oben verspotteten. Faszinierende Kreaturen, nicht ganz Mensch, nicht ganz Tier. Ein Affe richtete sich nach der ersten Empörung auf und beobachtete uns skeptisch als wir weiter in das Tal weiter marschierten. Auch ein paar Verwandte der Elefanten begrüßten uns, ohne deren Klugheit auszustrahlen.

Aus der Ferne hörte man wie sich die Drachen langsam zu Wort meldeten. Regenschauer erhoben sich in der Ferne. Nach kurzer Überlegung ob unser Vorhaben auch vernünftig sei, redeten wir uns ein, dass es bestimmt total klug sei weiter zu gehen. Schließlich waren die Regenjacken im Gepäck und außerdem waren wir jetzt ohnehin schon hier.

Je weiter man das Tal hochkam desto schwieriger wurde sowohl der Weg als auch die Wegfindung. Ein paar kleine glitschige Kraxelpassagen waren zu überwinden, alle schafften diese aber souverän. Schließlich waren wir auf der Hochebene angekommen. Inzwischen hatte es angefangen zu regnen und der Donner machte uns Sorgen. Doch schien der Kopf des Rhinos schon fast zum Greifen nah.

Ich lief immer schneller, der der Regen und der Donner saßen mir im Nacken. Nur noch 200 Meter. Mein Gehen wurde zum Eilmarsch. 30 Höhenmeter noch. Dann rannte ich auf den Gipfel und stieg dort auf einen großen Steinhaufen, den höchsten Punkt. Außer Atem und voller Überschwang riss ich meinen Arm in die Höhe. Ich war oben, ich hatte den Elementen getrotzt. Das Singen der Drachen und ihr aufsteigender Atem umgaben mich und verschmolzen mit der Stimmung des Gipfels und den satt grünen, friedlichen Auen im Tal. Ich war jedoch nicht bei den friedlichen Auen, ich war immer noch hier oben. Und so hatte ich auch nicht viel Zeit mich auf meinem Sieg auszuruhen.

Ich stand dort und ein Gefühl von Terror stieg in mir auf. Ein immer stärker werdender metallischer Geschmack machte sich in meinem Mund breit, jedes Haar fing an sich aufzurichten, ich spürte wie sich eine Spannung immer weiter aufbaute, alles kribbelte. Dann dämmerte es mir, dass ich gerade dabei war, die Verbindung zwischen Himmel und Erde herzustellen. Für eine Millisekunde war ich in einer Trance gefangen dann löste ich mich und sprintete wie ein Verrückter, die Energie um mich herum nutzend vom Berg. Ich drehte mich nicht um, es war eine gut kontrollierte Panik. Meine Sinne waren voll und ganz auf meinen Weg gerichtet. Mein Weg war zwar nicht der Weg, denn ich sprang die Felsabsätze einfach hinunter, um schnellst möglich herunter zu kommen, mein Körper war auf Höchstleistung.

Irgendwie entkam ich meinem Schicksal. Hochmut kommt vor dem Fall und vor dem Fall kommt meistens eine Warnung. Auf diese hatte ich reagiert, auch wenn der Donner mir schon viel früher eine Warnung hätte sein sollen. Meine Freundin Resi hatte auf mich gewartet, zusammen rannten wir wieder auf die Ebene wo uns unsere Freunde Oskar und Leon erwarteten. Das Gewitter war nun über uns hinweggezogen.

In mir jedoch war es noch voll im Gange, ich fühlte mich großartig. (und ein bisschen dumm aber das geht meistens Hand in Hand, also bin ich gern ein bisschen dumm ;))

Ein bisschen wie neu geboren und definitiv reingewaschen von unseren Sünden, machten wir uns an den Abstieg, welcher uns mit sehr dichtem Nebel, welcher die Worte verschwinden ließ, erwartete.

Als wir raus aus dem Tal kamen brach die Sonne durch die Wolken und verwandelte die Landschaft in ein Paradies. Die großen geschwungenen Grashügel, vor den Bergen sahen aus wie die Wiege der Drachen. Zu allem Überfluss spannte sich nun auch noch ein Regenbogen über die weite Landschaft. Wie auf Wolken ließen wir uns die letzten Schritte zum Auto treiben.

Wir haben uns in die Welt der Drachen gewagt, haben mit ihnen gekämpft und sind siegreich zurück gekehrt.

Danke für den Tag ;)

Beiträge zur Sicherheit beim Bergsteigen

von Frank Nebbe 29 Nov, 2017
Die folgende Story stammt von meinem Sohn Daniel. Sie beschreibt eine heikle Episode beim Bergsteigen in Südafrika.
von Frank Nebbe 08 Nov, 2017

Wir hatten beschlossen im Tsaranorogebiet in Madagaskar den Pic Dondy zu besteigen. Offenbar gab es eine Abstiegsroute von den Kletterrouten in der Westwand, die in der Nähe des Nordgrates verlief. Wir fühlten uns den zu erwartenden Anforderungen gewachsen und zogen ohne Führer los.  

Im ersten Dorf nötigte sich uns jedoch ein junger Mann als Führer auf obwohl wir versuchten ihm verständlich zu machen, dass wir keinen Führer wollten/brauchten. Er ließ sich jedoch nicht abschütteln und tappte entlang eines schmalen Pfades voran. Irgendwann ging es ins Weglose und unser "Führer" wurde zunehmend unsicher über den Weiterweg. Offensichtlich war ihm die Route auf den Berg nicht geläufig, was er aber nicht eingestehen wollte.

Wir mussten zunehmend kraxeln und ich übernahm mehr und mehr selbst die Führung. Unser „Führer“ kam dann irgendwann barfuß nicht mehr weiter und wir schlugen uns (seilfrei aber mit Kletterschuhen) allein zum Gipfel durch. Unseren anhänglichen Guide ließen wir, mit etwas schlechtem Gewissen, auf dem Grat sitzen. Der Abstieg gestaltete sich auf einer anderen Route zunächst etwas heikel. Auf einer Geländestufe nach dem Steilstück trafen wir unseren Kameraden wieder. Er war offensichtlich erfolgreich wieder abgeklettert, hatte treu ein paar Stunden gewartet und wir setzten den Abstieg über den bekannten Weg unter seiner "Führung" fort.

Uns gingen bei der Aktion so allerlei Gedanken durch den Kopf:

- Unser „Guide“ hatte beim Abklettern von seinem höchsten Punkt vermutlich Angst und Mühe. Waren wir für seinen Zustand mitverantwortlich? Hätten wir ihn bei Abklettern gar begleiten sollen? Vielleicht hat er ja Frau und Kind, die ohne Ernährer dastehen, wenn er runter knallt.

- Was darf man von so einem Führer verlangen, der vielleicht unter dem Druck der Umstände (große Armut) eine Sache übernimmt, die ihn überfordert und uns potentiell gefährdet (er wusste ja nix von unserer Bergerfahrung)?

- Sicherlich hatte ich viel mehr Bergerfahrung als er. War ich damit in einer Fürsorgepflicht in dieser Situation, die wir nicht gewollt und allenfalls sehr indirekt herbeigeführt hatten?

- Soll man ihn bezahlen und wenn ja, wieviel?

Aber: was hinderte ihn daran, sich die Voraussetzung für eine professionelle Leistung anzueignen und seinen Teil an Verantwortung zu übernehmen?

- Sich ein paar Brocken französisch oder englisch aneignen oder ein Schild mit den notwendigsten Kommunikationsfloskeln mit sich führen.

- Sich eine Kenntnis des Geländes aneignen in dem er führt. Offensichtlich gibt es in der Gegend einige Führer, die die Kraxelroute auf den Dondy kennen.

- Er hätte sich unserer Bitte uns nicht zu begleiten fügen können oder zumindest beim Eintritt der Schwierigkeiten seine fehlende Kenntnis des Geländes eingestehen können. Damit hätte er uns zumindest potentiell gefährden können.

von Frank Nebbe 30 Sep, 2017

Beim Bergsteigen und Klettern ist  die Übernahme von Verantwortung ein integraler Bestandteil der Betätigung, die dadurch über einen „Sport“ weit hinausgeht. Man übernimmt Verantwortung gegenüber sich selbst, seiner Familie (wenn der „Ernährer“ nicht mehr heim kommt), gegenüber dem Kletterpartner und auch gegenüber zunächst Unbeteiligten wie anderen Kletterern und Wanderern z. B. weil diese in die Rolle des eigentlich unfreiwilligen Retters schlüpfen müssen, wenn man selbst versagt oder durch versehentlich ausgelösten Steinschlag verletzt werden.

Bergsteigen ist eine Risikosportart. Die Verantwortung besteht darin, Risiken für sich und andere gegenüber den eigenen Fähigkeiten und Erfolgsaussichten abzuwägen und wer jedes Risiko scheut bleibt besser zuhause – um dort womöglich von einem Auto über den Haufen gefahren zu werden. Wenn also das Risiko dazu gehört, ist die Akzeptanz eines gewissen Risikos überhaupt nicht zu vermeiden. Man versucht dies zu vermindern indem man abwägt: das eigene Kletterkönnen, die Schnelligkeit, die körperliche Verfassung usw. gegenüber dem Zustand der Route, der Absicherung, der Entwicklung  des Wetters usw.

Immer wenn man eine Abwägung trifft, kann man im Ergebnis auch daneben liegen – durch Unerfahrenheit, Fehleinschätzung oder auch nur Pech. Daraus resultieren dann die Zwischenfälle, Unglücke, Katastrophen.

Warum die Erwähnung dieser an sich selbstverständlichen und trivialen Tatsachen? Nun, sowohl in der Öffentlichkeit als auch in den Kreisen der Bergsteiger und Kletterer ist man manchmal schnell mit einem Urteil zur Hand, wenn etwas passiert ist. Mit dem Brustton der Überzeugung wird ein „fachliches“ Urteil gefällt, welches nur die moralische Entrüstung kaschiert.

Dafür zwei Beispiele:

Das Erste: Als Simon Yates in utlitaristischer Logik das Seil durchschnitt welches zu dem berühmten „Sturz ins Leere“ führte, wurde dies, auch in der Öffentlichkeit und in Bergsteigerkreisen, kontrovers diskutiert. Offensichtlich verbindet das Seil die Kletterpartner  im Bewusstsein mancher Menschen doch zu einer Schicksalsgemeinschaft.

Das Zweite: Es kam vor, dass Everest-Aspiranten an geschwächten Bergsteigern, die nicht mehr weiter konnten ohne Hilfeleistung vorbei zogen um den eigenen (teuer bezahlten) Gipfelerfolg nicht zu gefährden.

Aber auch weit unterhalb der Schwelle für die Medien tragen sich immer wieder Begebenheiten zu, die zumindest am Hüttentisch oder Foren zu manchmal emotional aufgepeitschten Diskussionen darüber führen, was „Richtig“ und „Falsch“ ist.

Meines Erachtens ist es oft nicht so einfach, ein fachliches oder gar moralisches Urteil zu fällen. Ich möchte in diesem Blog ein paar Begebnisse diskutieren, die ich selbst erlebt habe. Man kann sich fragen, wie man selbst entschieden hätte. Dabei berücksichtige man, dass das eigene „Bauchgefühl“ nicht unbedingt das „Richtige“ sein muss.

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