Familie -Sicherheit

Familie
- Sicherheit -

Bisweilen wurden durch Freunde, Bekannte oder Verwandte Zweifel laut, ob es denn sehr verantwortungsvoll sei, die Kinder mit auf Berg- und Klettertouren zu nehmen. In der Tat, Klettern ist eine Risikosportart und das gilt noch mehr, wenn man es in den Bergen und nicht nur in der Kletterhalle praktiziert. Andererseits sind Kinder und Jugendliche auch außerhalb der Berge von Risiken umgeben. Die meisten schlimmen Unfälle bei jungen Menschen sah ich außerhalb der Berge - als Notarzt im Zusammenhang mit Alkohol, der ja bekanntlich einen hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft genießt.
Als die Jugend sich hoch motiviert ans Vorsteigen machte und ich mehr als einmal an der Sturzgrenze hinterher stolperte, sprach ich schon hin und wieder ein stummes Gebet, dahingehend, dass der betreffende Sohn hoffentlich richtig sichere. Die gute Nachricht ist, dass die Kinder direkt und echt Verantwortung zu übernehmen lernen.
Wie dem auch sei, eine sorgfältige Vorbereitung. Risikoeinschätzung und -abwägung ist immer erforderlich. Zum Einen habe ich im Folgenden aufgeschrieben. wie wir unsere Klettereien mit den Kindern durchgeführt haben. Ich habe außerdem auch ein paar Zwischenfälle aufgeführt, mit denen wir im Laufe der Jahre konfrontiert wurden. Vielleicht können diese Berichte anderen helfen, ähnliche Probleme zu vermeiden.

Zustieg
Ein langer Anmarsch zur Route mit Schleppen eines schweren Rucksackes ist bei Kindern bekanntlich nicht sehr populär. Beides versuchten wir in Grenzen zu halten.
Überschaubare Zustiege finden sich z.B. an folgenden Orten:
- Stoss im Alpsteingebiet
- Spullerplatten bei der Ravensburger Hütte
- Die vielen Plattentouren im Haslital zwischen Innertkirchen und dem Grimselpass
Bei Zustieg bzw. der Wanderung ist es nicht die Anstrengung, die den Kindern zu schaffen macht sondern die Langeweile des eintönigen Marschierens. Mit einem Repertoire von Märchen, Sagen oder selbst ausgedachten Geschichten wird es gleich unterhaltsamer.

Vorbereitung
Grundsätzlich prüfen wir unmittelbar vor dem Einstieg noch einmal Gurt und Anseilknoten. Meistens ist der "Familienstart" in die Route ein bisschen chaotisch (nochmal was essen, wo sind die Schuhe?, ich muss auf's Klo...) und man will ja nicht mit einem halb angeseilten Kind auf Tour.
Wir denken der Helm gehört immer auf den Kopf. Beim Klettern sowieso, aber auch beim Spielen am Wandfuß im Klettergarten sowie bei Zu- und Abstiegen mit Absturz- oder Steinschlaggefahr.
Siehe dazu auch folgenden Fallbericht.

Steinschlag am „Flachen Pfeiler“ am Chli Glatten
Wir gingen die Tour als Herbstunternehmung bei schönem, klarem Wetter. Wegen kurzem Zustieg, überschaubarer Länge und ordentlicher Absicherung schien sie uns als Tour mit Kind geeignet und so wurden wir von unserem Jüngeren (damals 12 J) begleitet. Von Beginn an wirkte die Kletterei schwerer als erwartet, da sie keineswegs flach war, die Bohrhakensicherung zwar o.k. aber nicht üppig schien und auch die Felsqualität zwischen hervorragend und „naja, so leidlich“ wechselte.
Die vorletzte Seillänge startete von einem guten Band auf dem sich unser Sohn, manchmal zu Trägheit neigend, hinlegte. Die Felszone über dem Standplatz sah super aus, viel besser als in manchen Abschnitten weiter unten. Wenige Meter über dem Stand wurstelte ich mich eine unausgeprägte Verschneidung hoch als plötzlich der Block auf dem ich stand, nebst ein paar kleineren Steinen ausbrach und auf das Band darunter fiel. Der Block hatte wie einzementiert gewirkt und ich hatte mich zuvor problemlos daran hochgezogen.
Unser Sohn hatte ein paar Treffer abbekommen und sein Gezeter und Gebrüll ließ zunächst Schlimmes vermuten. Der Helm hatte jedoch das Meiste abgehalten, der Oberschenkel war geprellt und ich war überraschenderweise (bei fehlender Zwischensicherung) nicht abgeflogen und auf das Band geknallt. Die sorgenvolle Mutter hatte natürlich die Aufmerksamkeit dem wunden Sohn zugewandt und hätte mich schwerlich gehalten. So oder so, wir hatten genug. Ich quälte mich mit reichlicher Hakenbenutzung durch den Rest der Seillänge und brachte mit viel Mühe den Anhang zum nächsten Stand hoch, wo wir beschlossen abzuseilen.
Gestresst wie wir waren, brachten wir es fast fertig auch noch das Abseil zu vermasseln. Das vorletzte Abseil führte offenbar nach links in eine Schlucht. Als ich Frau und Kind abließ übersahen sie einen Abseilstand und mussten aus dem freien Hängen in der Schlucht nach links pendeln. Zum Glück hatten wir 70 m-Seile, die mit Ach und Krach gerade so reichten. Hätten sie nicht gereicht, wäre es bitter geworden... Den fußlahmen und etwas verstörten Sohn durfte ich dann mit schlechtem Gewissen noch zum Auto schleppen.

Fazit und Überlegungen dazu:
- Alles noch mal gut gegangen aber es hätte auch schief gehen können.
- Auch in gutem oder sehr gutem Fels kann völlig unvorhergesehen etwas ausbrechen. Also: Helm immer auf lassen, auch am bequemen Stand, der zum Ausruhen einlädt.
- Nach dem Stand schnellstmöglich eine Sicherung legen um nicht Faktor 2 in den Stand zu knallen.
- Kommt es zu einem (Beinahe)Unfall besonders sorgfältig checken, aufpassen, langsam tun. Dabei auch auf nicht verletzte Bergkameraden aufpassen. Die machen vielleicht auch noch etwas Blödes. Ich bilde mir ein durch jahrzehntelange Bergerfahrung, Notarzttätigkeit usw. über einen „kühlen Kopf“ zu verfügen. Dennoch ist die mental distraction bei so einem Beinaheunfall enorm und Folgefehler (in unserem Fall die fast missglückte Abseilaktion) drängen sich auf. Die leidvolle Erfahrung lehrt, dass Katastrophen häufig aus der Verknüpfung von Zwischenfällen und Fehlern resultieren.


Routenwahl 1
Nach unserer Erfahrung sind geneigte Platten mit Routen, die ohne große Querungen mehr oder weniger gerade nach oben führen, für den Anfang am besten geeignet. Gerade mit den Wasserrillenplatten im Kalk und geneigten Granitplatten kamen unsere Kinder auf Anhieb sehr gut zurecht. Die schon genannten Plattentouren im Gebiet Stoss (Alpstein), Haslital und Spullerplatten kann man gut von der Straße angehen. In der Schweizer Hütten findet man oft wenige Minuten vom Stützpunkt Klettergärten auch mit Mehrseillängenrouten, die gut eingerichtet sind. Zumindest bei kleinen Kindern kann es von Vorteil sein wenn ein Elternteil nebendran klettert um technische und moralische Unterstützung anbietet.
Bei der Routenauswahl achten wir darauf, dass die Tour nicht zu "committing" ist. Lange Touren sollten Flucht- bzw. Abbruchmöglichkeiten haben. Bei nicht ganz sicherem Wetter kommen für uns nur kurze Touren mit leichtem Abstieg in Frage.

Routenwahl 2
Grate, besonders mit Abkletterpassagen, sind für weniger Geübte immer etwas heikel. Leichte Routen bewegen sich aber nicht selten über solche Grate. Der Vorsteiger muss dann unbedingt auf genügend Zwischensicherungen für die Nachkommen(den) sorgen. Dies gilt besonders in horizontalen Abschnitten oder solchen mit Abklettern.
Bequeme Standplätze sind besonders für die kletternde Familie sehr angenehm. Trotzdem lassen sich beengte und abschüssige Standplätze nicht immer vermeiden. Hier achten wir besonders auf Ordnung beim Einrichten des Standplatzes. Vor jedem Manöver muss man aufpassen wen man aushängt und ob die kontinuierliche Sicherung gewährleistet ist. Besonders unter Zeitdruck (nahende Dunkelheit, Wetterverschlechterung) keine Hektik! 

Seilmanöver
Wenn wir zu Viert unterwegs waren, kletterte ich mit einem Doppelseil und einem Extraseil voraus. Es wurde sodann Ältere (Norman) über das Extraseil nachgesichert und anschließend folgen die Mama und Daniel gleichzeitig am Doppelseil. Gesichert wurde dabei über den HMS. Bei Quergängen und Graten hängte ich natürlich sowohl Doppelseil wie Extraseil (dieses mit separater Express) in die Sicherungspunkte ein.
In der Frühphase wurden die Mama und der Kleine meistens zusammen abgelassen. Wir achteten darauf, dass klar ist, wo sich der angesteuerte Standplatz befindet. Dieser musste ohne Pendeln zu erreichen sein.
In der Lernphase des selbsständigen Abseilens haben wir immer geneigtes Gelände bevorzugt. Selbstverständlich haben wir dabei immer über ein Extraseil gesichert.
Mit gestiegener Kompetenz des Nachwuchses kletterten wir auch manchmal in zwei Zweierseilschaften, was natürlich wesentlich bequemer und weniger aufwendig war.

Sturz beim Vorstieg in der Via Palma (Arco)
An einem Nachmittag zu Beginn eines der vielen Arco-Urlaube beschlossen wir noch eine kurze Tour rein zu pressen. Der jüngere Sohn war ambitioniert seine Fertigkeiten im Vorstieg auszubauen. Wir entschieden uns für die Via Palma im recht neuen Sektor di Ceniga. Vier Seillängen mit den Hauptschwierigkeiten (6a) in den ersten zwei Längen. Laut Filippi-Führer enge Abstände der Bohrhaken und bis auf eine Stelle in der dritten Seillänge kompakter Fels.
Die erste Seillänge verging unter der Führung Daniels in Minutenschnelle. Auch in der 6a-Stelle zu Beginn der 2. Seillänge kam ich kaum mit dem Seilausgeben nach. Der Sohn verschwand dann nach links um eine Ecke, wo eine 5a-Verschneidung keine Probleme verhieß. Der Kletterfluss geriet aber ins Stocken. Die Verständigung war ums Eck rum schwierig, anscheinend wusste der Sprössling nicht, wie es weiter ging. Der Bewegung des Seiles nach zu schließen versuchte er eine Möglichkeit hoch zukommen doch dann ließ der Seilzug wieder nach. Ca. 10 Minuten geschah nichts. Ohne Ankündigung hörte ich plötzlich ein lautes Scheppern, Klimpern und Brechen von Ästen. Es folgte ein heftiger Ruck am Sicherungsseil. Offenbar war Daniel abgeflogen und ein ordentliches Stück die Wand runter gesaust. Durch den Anprall am Fels beim Einschwingen hatte er sich die Ferse verletzt. Wir entschlossen uns zum Rückzug, der sich problemlos gestaltete. Daniel humpelte mit Stockhilfe zu Tal. Wie kam es zu diesem Riesensatz von ca. 6-8 Metern trotz enger Bohrhakensicherung? Nun, der Sprössling hatte den Weg verloren und war versuchsweise ein Stück hoch gekraxelt und ich hatte entsprechend Seil ausgegeben. Wegen des brüchigen Geländes war er wieder runter gekommen ohne mir Bescheid zu sagen sodass sich einiges an Schlappseil kumuliert hatte. Am Ruhepunkt war dann plötzlich ein Halt ausgebrochen und hatte zum Sturz geführt. Dieser fiel wegen des Schlappseils entsprechend lang aus.
Den Rest der Woche war für den Sohn wegen anhaltender Schmerzen im Fuß Kletterpause angesagt. Nach der Heimkehr zeigte die Röntgenaufnahme einen kleinen Riss im Fersenbein, der einige Wochen zum Abheilen brauchte.

Fazit und Überlegungen dazu: 
- Vorsteigen in „freier Wildbahn“ ist nicht mit der Kletterhalle zu vergleichen. Letztere bringt in Hinblick auf Wegfindung und Beurteilung der Gesteinsqualität nichts auch wenn sie vielleicht schnellen Zugang in höhere Schwierigkeitsgrade erlaubt.
- Verständigungsprobleme durch Wind, Hindernisse in der Route und Entfernung der Kletterpartner voneinander sind sehr problematisch, besonders bei Wegfindungsschwierigkeiten.
- Informationen im Kletterführer sind immer mit Vorsicht zu genießen. Die Angabe, dass der Fels bombenfest ist bezieht sich logischerweise auf die Route. Zwei Meter nebendran können Bruch und Schotter lauern. Für Vorstiegsversuche ist vielleicht deshalb eine bekannte Route vorzuziehen.


Abseilepos am Tete Gaulent (Briancon)
Wir hatten zwei super Wochen bei Briancon verbracht und uns waren mit den sechs und neun Jahre alten Jungs einige schöne Mehrseillängenrouten bis in den oberen fünften Grad gelungen. Zum Abschluss sollte noch eine etwas alpinere dafür leichte Tour dazu kommen. Wir entschieden uns für die Südkante des Tete Gaulent, die ästhetisch aussah, den 4. Grad kaum überschritt und immerhin auf einen über 2800 m hohen Gipfel führte. Mit sieben Seillängen war die Routenlänge überschaubar. 
Leider stellte sich die Route als alpiner als erhofft heraus. Es steckten kaum Haken, die Absätze waren schottrig und der Fels nicht so berühmt. Ich wurde im Mittelteil irgendwie nach links abgedrängt, wo wir vier schließlich auf einem hakenlosen Absatz landeten. Die folgende Seillänge wurstelte ich mich einen schlecht gesicherten Rissüberhang im 6. Grad hoch, der sicherlich nichts mit der Route zu tun hatte. Der Tross wurde hinterher gezerrt und zwei leichtere Seillängen später waren wir am Gipfel. Aber wo ging's runter? Der Fels war arg gegliedert und brach steil, teils überhängend, nach Süden ab. In die Gegenrichtung führte ein zerklüfteter Grat zu steilen Grashängen. Das sah auch unfreundlich aus. Schließlich fanden wir ein Abseil, welches einen Schluchtkamin runter auf einen Absatz führte. Von dort war wieder nicht genau auszumachen, wohin es weiter ging. Recht weit unten sah man eine Seilschlinge bei einem Köpfl. Frau und Kind wurden abgelassen. Leider stellte sich die Schlinge als ein Seilstück dar, dass einfach lose auf dem abschüssigen Band lag. So ein richtiger Stand ließ sich nicht bauen. Somit wurde dem Nachwuchs eingeschärft sich nicht vom Fleck zu rühren. Ein wenig unangenehme Kraxelei in brüchigen Schrofen brachte mich schließlich 12 Meter nach links oben wo ich den richtigen Abseilstand spähte. Der Anhang wurde nachgesichert und zwei leicht überhängende Abseils später standen wir endlich in der Wiese. Zurück lag eine Klettertour und Abseilfahrt, die wenig zur Wiederholung und Empfehlung reizte.

Fazit und Überlegungen dazu: 
- Auch hier keine neuen Weisheiten: "alpines Gelände" ist alpin, unübersichtlich, evtl. brüchig, schlecht gesichert und der technische Schwierigkeitsgrad sagt NICHTS über die Anforderungen. Orientierungsschwierigkeiten können richtige Probleme und gefährliche Situationen hervor rufen.
- Auf einem Topo scheint die Abseilpiste zunächst einmal klar zu sein. Die Wirklichkeit kann davon SEHR abweichen. Vergammelte Abseilstände und  Verhauerhaken anderer Irrläufer können weiter zur Irritation beitragen.
- Was für berggewohnte Zweierseilschaft als lästige Schwierigkeiten an einem überschaubaren Klapfen im alpinen Gelände imponiert, wird mit kindlichem Anhang, wenn nicht zum Drama, so doch zu einem heiklen Unternehmen.


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